„Eigenbedarf“ ist für mich kein neutrales Wort.
Ich musste vor etwa einem Jahr selbst meine Wohnung wegen Eigenbedarf aufgeben. Mein Zuhause, meinen Rückzugsort, meinen sicheren Raum. Etwas, das sich selbstverständlich angefühlt hatte, war plötzlich nicht mehr sicher. Vielleicht ist genau deshalb dieses Wort in mir hängen geblieben.
Denn im Yoga bekommt „Eigenbedarf“ eine ganz andere Bedeutung.
Hier geht es nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen. Es geht darum, sich selbst wieder Raum zu geben. Nicht nur körperlich, sondern innerlich. Emotional. Mental. Menschlich.
Wenn man im eigenen Leben nur noch funktioniert
Ich merke, wie leicht es mir fällt, mich selbst hintenanzustellen. Zu funktionieren. Für andere da zu sein. Verantwortung zu tragen. Dinge am Laufen zu halten. Erwartungen zu erfüllen. Und mir selbst Zeit nur dann zu erlauben, wenn alles andere erledigt ist.
Als wäre Zeit für mich ein Luxus.
Als müsste man sie sich verdienen.
Als wäre sie egoistisch.
Dabei passiert genau dort etwas Leises, aber Gefährliches. Man ist da, aber nicht wirklich anwesend. Man lebt, aber eher im Reagieren als im Spüren. Man bewegt sich durch den Alltag, aber fühlt sich im eigenen Leben nicht mehr wirklich zuhause.
Eigenbedarf als innere Haltung im Yoga
Im Yoga verstehe ich Eigenbedarf heute anders.
Nicht als Rückzug.
Nicht als Abgrenzung.
Nicht als Abschottung.
Sondern als Verantwortung.
Verantwortung für meinen Körper, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Energie, meine Grenzen und vor allem für meine Zeit. Eigenbedarf heißt für mich, mir bewusst Zeit zu nehmen, ohne Schuldgefühle, ohne Rechtfertigung, ohne das Gefühl, jemandem etwas wegzunehmen.
Nicht heimlich zwischen Terminen.
Nicht nur, wenn alles erledigt ist.
Nicht erst, wenn nichts mehr geht.
Sondern klar, bewusst und ehrlich.
Nicht aus Egoismus, sondern aus Selbstachtung.
Selbstfürsorge ist kein Luxus
Yoga ist ganzheitlich. Es geht nicht nur um Bewegung oder Entspannung, sondern um Beziehung. Beziehung zu mir selbst, zu meinem Leben, zu meinem inneren Zustand. Selbstfürsorge bedeutet hier nicht Wellness oder Rückzug, sondern Präsenz. Verantwortung. Bewusstheit.
Es ist die Entscheidung, mich nicht ständig selbst zu übergehen. Mich nicht nur als Funktion zu sehen. Nicht nur als jemand, der trägt, organisiert, hält und ermöglicht.
Ich bin kein Gast in meinem Leben.
Ich wohne hier.
Eigenbedarf im Mattenplatz
Diesen Gedanken tragen wir im kommenden Monat im Mattenplatz. Nicht als Schlagwort, sondern als Haltung.
In Klassen, die nicht antreiben, sondern Raum geben.
In einer Praxis, die nicht optimieren will, sondern verbindet.
In Momenten, in denen du dir Zeit nehmen darfst, ohne etwas kompensieren zu müssen.
Yoga als Ort, an dem du einfach da sein darfst.
Ohne Leistungsanspruch.
Ohne Schuldgefühl.
Ohne Rechtfertigung.
Nicht, weil du musst.
Sondern weil du darfst.
Von Herzen,
Eric